• Die Aktien des Partners im Reverse Takeover, Perfect Holding, fahren Achterbahn. Ein Engagement ist hochspekulativ.

    RUPEN BOYADJIAN

27.08.2021 - FINANZ UND WIRTSCHAFT. Kinarus sollte noch vor Jahresende an die Schweizer Börse kommen. Das kleine Pharmaunternehmen lässt sich zu diesem Zweck von der Perfect Holding übernehmen. Die Aktionäre des bislang auf Aviatikdienstleistungen spezialisierten Unternehmens müssen dem ebenso zustimmen wie der Ausgabe neuer Aktien, mit denen die Akquisition finanziert wird.

Im Zuge des Reverse Takeovers werden die Kinarus-Aktionäre die Mehrheit am neuen Unternehmen halten. An der Börse haben Perfect über 80% zugelegt, ehe sie am Mittwoch und Donnerstag wieder mehr als 20% abgaben. Bevor die Kurse in ruhigere Fahrwasser kommen, brauchen die Anleger wohl klarere Sicht. Kinarus CEO Alexander Bausch gibt Auskunft, zentrale Elemente wie das Austauschverhältnis der Aktien zwischen den Partnern müssten bis zum Abschluss der Transaktion aber vertraulich bleiben.

Börsenwert von mindestens 100 Mio. Fr. angepeilt

Zuvor hatte Bausch bereits erklärt, Kinarus strebe zunächst eine private Finanzierungsrunde über 14 Mio. Fr. an. Diese ist aktuell am Laufen, und sie ist eine Voraussetzung für die Übernahme. Grundlage sei ein Unternehmenswert von 35 Mio. Fr. Nach dem Reverse Takeover hofft Bausch basierend auf vergleichbaren Bewertungen auf einen Börsenwert von mindestens 100 Mio. Fr.

Zusätzlich gibt der CEO bekannt: «Wir streben mit einem spezialisierten US-Investor eine Vereinbarung an, mit der wir bei Bedarf Aktien gegen flüssige Mittel tauschen und diese in unsere Pipeline investieren können.» Die dafür nötige Kapitalerhöhung würde aus dem genehmigten Kapital erfolgen und sei davon abhängig, ob weitere medizinische Studien initiiert würden. Die 14 Mio. Fr. aus der privaten Finanzierungsrunde sollen reichen, um zwei Studien mit dem Wirkstoff KIN001 zu Ende zu führen.

Studien für Corona und eine Augenkrankheit

Eine Phase-II-Studie an hospitalisierten Coronapatienten läuft bereits. «Eine weitere an Patienten mit der Augenkrankheit altersbedingte feuchte Makuladegeneration könnten wir nach dem Reverse Takeover zügig starten», gibt sich Bausch zuversichtlich. Sie würde im Idealfall Anfang nächstes Jahr beginnen. Die Resultate sollen zwei Jahre später kommen.

Deutlich schneller könnte es mit der Coronastudie gehen, die in Deutschland und Ungarn läuft. Mit der vierten Welle werden wieder mehr Menschen hospitalisiert. Ende erstes, Anfang zweites Quartal 2022 soll eine Zwischenanalyse vorliegen. «Ist sie sehr gut, könnten wir Ende 2022 Zulassungsanträge in der EU und anderen europäischen Ländern einreichen», sagt Bausch.

Konzerne haben aufgegeben

Kinarus hat KIN001 entwickelt aus dem P38-Inhibitor Pamapimod und dem generischen Diabeteswirkstoff Pioglitazone. Deren Kombination verlängert die Wirkung von Pamapimod. Bauschs frühere Arbeitgeberin Roche sowie andere Pharmakonzerne hatten ihre P38-Blocker aufgegeben, weil die Wirkung nur sehr kurz anhielt. Erst diese Woche hat Kinarus bekanntgegeben, dass die Kombination nicht nur entzündungshemmend, sondern auch antiviral und lungenschützend wirkt.

P38-Inhibitoren könnten bei bis zu dreissig Krankheiten helfen. Bausch spricht deshalb von KIN001 als einer «Plattform». «Bei der idiopathischen pulmonalen Fibrose haben wir bereits Abklärungen getroffen», sagt der CEO. Eine Phase-IIStudie für diese Krankheit, die in der Pharmaindustrie als «heiss» gilt, könnte rasch beginnen.

Mittel wäre ergänzend

Die altersbedingte feuchte Makuladegeneration, die Kinarus als nächstes in Angriff nehmen will, ist weitverbreitet. Die erfolgreichsten Medikamente dagegen, Lucentis von Roche und Novartis sowie Eylea von Regeneron und Bayer, erzielen Milliardenumsätze. Das Feld ist heikel, weil Nebenwirkungen der Injektionen direkt ins Auge oft schwerwiegend sind. Das ist einem neuen Medikament von Novartis (Beovu) zum Verhängnis geworden, sowie einem Wirkstoff von Molecular Partners, den Partner AbbVie kürzlich zurückgegeben hat.

Doch Bausch verweist auf die unterschiedliche Wirkung von KIN001: «Wir versuchen nicht, eines der etablierten Medikamente zu ersetzen, sondern diese zu ergänzen», erklärt der Kinarus-CEO. Die bestehenden Mittel lassen übermässig wachsende Blutgefässe im Auge schrumpfen. KIN001 soll verhindern, dass sie wieder nachwachsen. Genau das passiert nämlich, wenn die Medikamente nicht regelmässig – meist monatlich bis dreimonatlich – ins Auge gespritzt werden. «Dank den KIN001-Pillen sollten die unangenehmen Spritzen deutlich weniger oft nötig sein.» So beschreibt Bausch die Erwartung an die Studien.

Der Kauf von Aktien der Perfect Holding im Hinblick auf das Kinarus-Listing ist rein spekulativ in Unkenntnis des Umtauschverhältnisses, und ohne zu wissen, wie viel genehmigtes Kapital für die Finanzierung geschaffen wird. Würden Relief Therapeutics zum Massstab genommen, die aktuell einen Börsenwert von rund 800 Mio. Fr. aufweisen, dann könnte sich ein Engagement allerdings lohnen, selbst wenn Kinarus am Ende nur die Hälfte auf die Waage bringt.

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